MIT SCHLEIFEN UND SCHNIPSELN
Vor dem Konzert stand freudiges Wiedersehen. Hans-Joachim Roedelius, jüngst 75 geworden, und “Cluster”-Partner Dieter Moebius trafen auf den Ulmer Bassisten Hellmut Hattler. Der hatte in den 70ern in Conny Planks Studio mit Moebius und anderen Krautrock-Größen die LP “Liliental” eingespielt. Dann gesellte sich mit Hans-Joachim Irmler von den legendären “Faust” noch ein Tastenästhet hinzu, der selbst derzeit mit dem Neubauten-Musiker FM Einheit für Furore sorgt, und das “Cluster”-Album “Qua” auf seinem Klangbad-Label im Januar veröffentlichen wird. Intensive Gespräche also am Sauschdall-Tresen und ein Hauch von Nostalgie. Letzteres sollte sich dann im Konzert nicht einmal ansatzweise wiederfinden.
Das lag auch schon an der Vorlage der Ulmer Elektronik-Künstler Jens Döring und Andreas Usenbenz. Auf dem Boden kniend, brachten sie nicht nur ihre Melodiebögen und verknarzten Beats aus dem MacBook mit ins Spiel, sondern bearbeiteten an zwei Plattenspielern Wurst, Käse und Farbe oder brachten den Duft des Parfüms zum Klingen. Das Spiel mit dem Unberechenbaren fand großen Beifall.
Dann also die Elektronik-Pioniere “Cluster”. Moebius und Roedilius zitierten zwar in ihrem überraschend langen Set zuweilen fetzenartig aus ihrer Discografie, doch weit mehr boten sie den Sound der Zukunft. Auf der einen Seite mit dem 65-jährigen Moebius ein Musiker, dem auch die elektrifizierte Gitarre nicht fremd ist, der an Rechner und Keyboard aktuelle elektronische Musik lebt. Auf der anderen Seite des Experimentier-Tisches der Poet und Lyriker Roedelius, der dieser digitalen Welt auch jazzige Nuancen und schrullige Soundbilder abgewinnen kann. So erlebten die 70 Besucher im Sauschdall ein Gegen und Nehmen der Spielpartner, ein waches Reflektieren und Reagieren, ein Ein- und Ausatmen und aus Transzendenz gewachsene Anhäufungen von Ambient-Schleifen, Noise-Schnipseln und Beats. Zeitlose Elektronik – die Altmeister wurden entsprechend gefeiert.